Die Frage kam von meinem damaligen HR-Partner. Ich stand kurz davor, bei adidas die Leitung der Entwicklungsabteilung für Fußballbekleidung zu übernehmen. Der Leiter der Abteilung wollte mich unbedingt haben. Ich wollte diesen Job unbedingt machen.
Trotzdem brachte mich die Frage zum Schlucken.
Acht Jahre lang hatte ich zuvor eine Arbeit gemacht, die sehr gut zu mir passte. Ich konnte Zahlen lesen und verstehen, was hinter ihnen steckte. Ich konnte kontroverse Themen so erklären, dass Menschen mitgingen. Ich kannte die Branche und das Unternehmen, hatte ein internationales Team aufgebaut und war gut vernetzt. Die Arbeit machte mir Spaß.
Und doch war da noch etwas. Ich hatte Bekleidung studiert, weil mich das Produkt interessierte. In meinem bisherigen Job war ich erfolgreich gewesen, aber näher an der Entwicklung wollte ich immer noch arbeiten.
Dann kam diese Gelegenheit: Fußballbekleidung bei adidas. Ein Bereich mit großer Aufmerksamkeit, knappen Deadlines und Entscheidungen, bei denen viel auf dem Spiel stand. Ich wusste, dass ich mich dort immer wieder neu einarbeiten und beweisen müsste. Gerade das fand ich spannend. Ich wollte Probleme lösen, mit Menschen arbeiten und wieder näher am Produkt sein. Ich war, ehrlich gesagt, ziemlich aufgekratzt vor Freude.
Meine Kinder waren gerade auf die weiterführende Schule gekommen. Die Betreuung wurde etwas einfacher. Gleichzeitig spürte ich erste Veränderungen vor den Wechseljahren. Vieles war in Bewegung. Für mich fühlte sich der neue Job nach einer Möglichkeit an, die genau zur richtigen Zeit kam.
Was meinte er mit „noch“?
Vielleicht dachte mein HR-Partner vor allem an die Arbeitsbelastung. Vielleicht fragte er sich, warum ich eine sichere, gut passende Rolle für eine so exponierte Aufgabe verlassen wollte. Das hätte ich verstehen können. Ich wusste selbst, dass der Job anstrengend werden würde.
Aber er fragte nicht nur, ob ich mir das antun wollte. Er fragte, ob ich es mir noch antun wollte.
Dieses Wort blieb hängen.
Noch – in meinem Alter?
Noch – nachdem ich mir schon etwas aufgebaut hatte?
Noch – mit Kindern, die zwar selbstständiger wurden, aber natürlich weiterhin Kinder waren?
Oder noch, weil meine berufliche Zeit vermeintlich langsam überschaubar wurde?
Ich weiß bis heute nicht genau, was er meinte. Ich weiß aber, was die Frage bei mir auslöste. Für einen Moment klang es, als hätte jemand bereits eine Vorstellung davon, wie groß meine nächsten Schritte sein sollten. Ich selbst hatte gerade eine andere.
Natürlich kann eine Frage nach Belastung fürsorglich sein. In manchen Jobs sollte sie sogar öfter gestellt werden. Mich beschäftigte, wer die Antwort geben darf. Ob eine schwierige Aufgabe für mich richtig ist, wollte ich herausfinden können, mit offenen Augen für den Aufwand und mit ebenso viel Respekt für meine Lust darauf.
In der Zitrone ist noch viel Saft
In diesem Moment fiel mir Lotti Huber ein. Ihre Autobiografie heißt Diese Zitrone hat noch viel Saft!. Ich mochte das Bild, und plötzlich hatte ich meine Antwort.
„In der Zitrone ist noch viel Saft“, sagte ich zu meinem HR-Partner. Ich habe noch viel Zukunft. Ich finde diese Aufgabe spannend. Und es wird sicher nicht die letzte sein, die ich mache.
Das war sie auch nicht.
Die Geschichte ist bei mir geblieben, weil ich seitdem anders auf solche Fragen höre. Ein „noch“ kann echte Sorge ausdrücken. Es kann auch eine Grenze ziehen, ohne sie auszusprechen. Manchmal merke ich erst hinterher, welche der beiden Möglichkeiten mich gerade getroffen hat.
Heute frage ich mich außerdem, was ich mit dem Saft eigentlich anfangen will. Damals ging es um einen anspruchsvollen nächsten Job. Inzwischen geht es um mehr: um Arbeit und eigene Zeit, um größer werdende Kinder, einen sich verändernden Körper, ums Lernen und um die Frage, welche Erwartungen an Frauen in dieser Lebensphase so selbstverständlich daherkommen, dass wir sie kaum bemerken.
Darüber möchte ich hier schreiben. Über das, was ich erlebe und erst nach und nach verstehe. Über Entscheidungen, auf die ich stolz bin, und Fragen, bei denen ich noch keine fertige Antwort habe. Zitrone mit Zukunft ist der Ort dafür.
Mit dem Wort „noch“ bin ich jedenfalls nicht fertig. Heute klingt darin für mich auch etwas anderes mit: Es gibt noch etwas zu entdecken.
Gab es eine Frage, die zunächst harmlos klang und dir trotzdem lange im Kopf geblieben ist? Wenn du magst, erzähl mir davon per mail.
Was hat dieser Essay bei dir ausgelöst? Ich freue mich, wenn du mir deine Gedanken schreibst.
Wer schreibt hier?
Ich bin Katharina Engelhardt. Ich habe über 30 Jahre Erfahrung in der Sportartikelbranche, studiere Psychologie und begleite Frauen als Karriere- und Leadership-Coach. Hier schreibe ich über Arbeit, Neuanfänge und die Lust, beweglich zu bleiben.
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