Meine Tochter studiert. Ich auch.

Meine Tochter kennt Citavi. Sie zeigte mir, wie ich das Programm einrichte, Literaturquellen und Zitate damit organisiere und worauf ich achten muss. Dazu gab sie mir Tipps fürs Studium. Meine Masterarbeit vor dreißig Jahren habe ich noch mit Karteikarten organisiert.

Ich beginne mit 58 noch einmal ein Masterstudium im Fachbereich Psychologie. Es ist ein Fernstudium; alles findet online auf einer Lernplattform statt. Meine Tochter studiert ebenfalls. Dass wir beide gerade lernen, gefällt mir.

Mein erstes Studium war Bekleidungsingenieurwesen. Später ging es in meinem Beruf um Produkte, Menschen, Entscheidungen und Zahlen. Ich mochte es, mich in ein schwieriges Thema hineinzufuchsen und eine Lösung zu finden.

Mit den Jahren interessierte mich immer stärker, was zwischen den Organigrammen passiert. Warum traut sich eine Frau eine Aufgabe zu und eine andere, die genauso viel kann, zögert? Warum wird manche Arbeit gesehen und andere zuverlässig übersehen? Wie viel von dem, was wir für eine persönliche Entscheidung halten, ist eigentlich von den Bedingungen um uns herum geprägt?

Aus solchen Fragen ist zuerst mein Interesse am Coaching gewachsen. Und irgendwann wollte ich noch gründlicher verstehen, was Menschen in Veränderung trägt, was sie unter Druck setzt und wie sie handlungsfähig bleiben. So bin ich bei der Psychologie gelandet.

Es ist merkwürdig, wie selbstverständlich wir bei jungen Menschen annehmen, dass sie lernen, ausprobieren und ihre Meinung auch wieder ändern dürfen. Bei uns selbst wird eine neue Ausbildung irgendwann erklärungsbedürftig. Wozu brauchst du das noch? Was machst du dann damit? Und lohnt sich das überhaupt?

Diese Fragen sind nicht unvernünftig. Ein Studium braucht Zeit und Aufmerksamkeit. Aber wenn ich jede Neugier erst mit einem fertigen Verwendungszweck rechtfertigen müsste, hätte ich wohl vieles in meinem Leben nicht begonnen. Auch in meinem ersten Beruf wusste ich nicht, welche Aufgaben mich einmal begeistern würden.

Meine Kinder werden erwachsen und gehen ihre eigenen Wege. Das verändert auch meinen Alltag. Ich könnte die Zeit, die sich dadurch anders verteilt, sofort wieder mit Pflichten füllen. Ein Teil davon gehört nun meinen eigenen Fragen. Ich verfolge etwas weiter, das mich wirklich interessiert.

Ich bringe in dieses Studium drei Jahrzehnte Berufserfahrung mit. Für vieles, was ich lese, fallen mir Situationen aus dem Arbeitsleben ein. Und manchmal muss ich aufpassen, dass mir eine vertraute Erklärung nicht den Blick auf andere Möglichkeiten verstellt. Beides gehört für mich zum Lernen.

Als meine Tochter mir Citavi erklärte, merkte ich, dass Lernen in einer Familie keine Einbahnstraße ist. Wir müssen nicht dieselben Fragen stellen. Wir dürfen beide unsere eigenen haben und einander trotzdem etwas zeigen.

Vielleicht ist das für mich gerade das Schönste an dieser Lebensphase: Ich muss nicht fertig sein mit dem, was ich wissen möchte.

Illustration von Katharina Engelhardt mit Buch und Tasse am Schreibtisch.
 

Was hat dieser Essay bei dir ausgelöst? Ich freue mich, wenn du mir deine Gedanken schreibst.

 

Katharina Engelhardt, Autorin von Zitrone mit Zukunft.

Wer schreibt hier?

Ich bin Katharina Engelhardt. Ich habe über 30 Jahre Erfahrung in der Sportartikelbranche, studiere Psychologie und begleite Frauen als Karriere- und Leadership-Coach. Hier schreibe ich über Arbeit, Neuanfänge und die Lust, beweglich zu bleiben.

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